Mit den Ohren singen

Vom 16. bis 19. März war der Chor der Bergschule wieder unterwegs. Diesmal aber nicht zu einem Auftritt oder einer Gottesdienstgestaltung, sondern zu einem der Chorseminare, die seit 1996 immer wieder ein Highlight im Leben unseres Chores sind. Bei diesen Seminaren sind neben der Pflege der Chorgemeinschaft und natürlich den intensiven Proben auch immer reflektierende Seminarbestandteile und Erlebnisse, Anregungen oder Begegnungen mit interessanten Menschen wichtig, welche die musikalische oder Allgemeinbildung über die Probenarbeit hinaus ergänzen. 

Das 8. Chorseminar führten wir auf der Jugendburg Stahleck am Rhein durch, in einer der schönsten Jugendherbergen Deutschlands, in welcher unser Chor schon einmal, nämlich im Jahr 2002 zu Gast war.

Auf der Hinfahrt bot es sich an, einmal Spuren der hl. Hildegard von Bingen (1098-1179) zu verfolgen.  Sie wurde nicht nur zu ihren Lebzeiten als Wegweiserin geschätzt und Visionärin verehrt. Mit ihren natur- und heilkundlichen Schriften gilt sie als die erste deutsche Naturforscherin und Ärztin. Naturheilkundliche Bücher nach Hildegard von Bingen sind bis heute ein Verkaufserfolg. Außerdem komponierte Hildegard; von ihr ist eine Sammlung mit 69 geistlichen Liedern überliefert. 

Zunächst erlebten wir in der Abtei St. Hildegard, welche sich auf einer Anhöhe über dem Dorf Eibingen (heute ein Ortsteil von Rüdesheim) erhebt, eine von Benediktinerinnen gesungene Mittagshore; anschließend erläuterte eine der Schwestern, eine ehemalige Lehrerin für Musik und Englisch, uns spontan die Darstellungen in der Kirche.

Danach ging es hinab zur Pfarr- und Wallfahrtskirche in Eibingen, in der nicht nur die Reliquien der hl. Hildegard wie ein Schatz in einem Schrein in einem Hochgrab aufbewahrt werden, sondern eine kleine, alte Ordensfrau  uns schon erwartete und in einem alle überraschenden, lebendigen, leidenschaftlichen, ja feurigen Vortrag von Hildegard von Bingen und ihrer möglichen Bedeutung für den (auch jungen) Menschen erzählte.

Nachdem der Bus mit einer Fähre über den Rhein gesetzt hatte, gab es die Möglichkeit, Rüdesheim (z. B. die Drosselgasse) individuell zu erkunden. Schließlich fuhren wir am Rhein entlang zu unserem Quartier: zur ehemaligen Stauferburg Stahleck.

Auch wenn der erste Abend bereits mit gemeinsamen Liedern begonnen wurde, lag der Schwerpunkt auf dem Hören. Informationen zum Prozess des Hörens und anschaulichem Darstellen dessen, wie das Hörorgan des Menschen funktioniert, verbunden mit Reflexionen, was Hören für den Menschen bedeutet, folgte in einer zweiten Einheit das Lauschen von Liedern der Hl. Hildegard von Bingen, die vor einigen Jahren sogar die Charts stürmten – einer meditativen und tiefgründigen mittelalterlichen, aber doch zeitlosen, auch heute wirkungsvollen Musik.

Die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnte Burg Stahleck bot in den folgenden Tagen ein hervorragendes Ambiente für die Register- und Gesamtproben, bei denen das Einstudieren neuer Titel und auf Wunsch der Chormitglieder auch die Pflege von Repertoiretiteln der vergangenen Jahre im Vordergrund standen. Dabei legt Herr Pukatzki seit Gründung des Chores Wert darauf, nicht nur Titel zu singen, deren Stilrichtung Jugendliche eh schon kennen und mögen (Gospel, Spiritual, Titel aus dem Bereich Rock und Pop), sondern dass die Chormitglieder auch Titel probieren, deren Stilrichtung der einzelne Jugendliche vielleicht erst kennen lernt. Das galt in den zurückliegenden Jahren z. B. für gregorianische Gesänge und Kompositionen aus der Renaissance, dem Barock, der Klassik, der Romantik, des 20. Jahrhunderts. In diesem Jahr waren es u. a. Gesänge aus der russisch-orthodoxen Liturgie.

Außerdem gab es für diejenigen, die erstmals an einem solchen Chorseminar teilnahmen, vertiefende und ergänzende Informationen und Demonstrationen (z. B. zu Stimmgattungen und Stimmumfang, zur menschlichen Stimme, zum Stimm- und Atmungsorgan, zur Haltung, zu Resonanz, Klang und Tonansatz, Facetten und Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme).

Die Burg selbst und ihre Umgebung luden bei z. T. frühlingshaftem Sonnenschein förmlich ein zum Warm-up im Freien, zu Übungen zur Stimmerfahrung, zu spontanem Singen auf der Burgterrasse in der Mittagspause oder in der Nachmittagsprobe, zum Spazierengehen in den Weinbergen, in Bacharach oder am Rhein.

Nicht vergessen wird wohl auch das stimmungsvolle Abendsingen im Rittersaal bei Kerzenschein.

Viele von uns nahmen auch das Angebot zum gemeinsamen Morgengebet wahr. Den Tag beendeten wir einem kurzen Abendgebet. Dass aber einer Küchenangestellten die Tränen kamen und diese sich an ihre Heimat erinnert fühlte, als sie Jugendliche vor dem Mittagessen einen Gebetskanon singen hörte, ist eine Erfahrung, die überraschte und manchen von uns nachdenklich werden ließ.

Der letzte Tag führte uns zur Benediktinerabtei Maria Laach.  Die monumentale Abteikirche, erbaut von 1093 bis 1220, zählt zu den vollkommensten Bauwerken der deutschen Romanik und fügt sich organisch in die relativ unberührte Landschaft um den Laacher See, eines Tals, das vulkanischen Ursprungs ist und mit seinen Wäldern und Wiesen sehr beruhigend auf Besucher wirkt.

Spontan ermöglichte ein gerade vom Joggen kommender Benediktiner, der vor Jahren ein Praktikum in Heiligenstadt in St. Gerhard absolviert hatte,  exklusiv für unsere Gruppe das Schauen einer einführenden Filmdokumentation über Maria Laach und das Leben hinter den Klostermauern.

„Hören und Singen“ war die Leitlinie des 8. Seminars für den Chor der Bergschule. Das Erleben der von den Mönchen gesungenen Mittagshore, auch das Stöbern in der großzügig und durchdacht gestalteten Buch- und Kunsthandlung des Klosters sowie das Streifen durch das Gartencenter der Klostergärtnerei rundeten den sonnigen Rückreisetag ab.

Herr Schlaffke spendierte Äpfel vom Klostergut, und während wir spontan verschiedenste Lieder im Bus sangen, erreichten wir pünktlich das heimatliche Eichsfeld.

Stand: 07.04.2010

Und hier gibt es einen kurzen Rückblick auf das 7. Seminar.

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